Schriftstück der Kaiserin von Brasilien in Göttweig gefunden

Vor kurzer Zeit wurde in den Sammlungen des Stiftes Göttweig ein Schriftstück der einstigen Kaiserin von Brasilien gefunden. Auf der Rückseite des Blattes wurde sorgsam vermerkt: „Eigene Handschrift Ihrer Kaiserl. Königl. Hoheit der Durchlauchtigsten Frau Erzherzogin v. Österreich Leopoldine K. Kronprinzessin von Portugal und Brasilien“. Dabei handelt es sich um Maria Leopoldine von Österreich (1797–1826), die 1817 mit dem portugiesischen Kronprinzen in Brasilien vermählt wurde.

Im selben Jahr reiste sie nach Rio de Janeiro, wo sie bald begann, mit einigen bedeutenden Wiener Naturwissenschaftlern eine große Sammlung aufzubauen. Diese Naturkundesammlung bildete den Grundstock für das spätere Brasilianische Nationalmuseum, das Anfang September 2018 bei einem Großbrand völlig zerstört wurde. Über Maria Leopoldine kam im Laufe der Jahre auch eine Vielzahl an südamerikanischen Objekten in die großen Wiener Sammlungen.

eh leopoldine3Foto: public domain (wikipedia)

Einer jener Naturkundeexperten, der die junge Erzherzogin im Herbst 1817 über den Atlantik begleitete, war der Mineraloge Rochus Schüch (1788–1844). Er wurde in Rio de Janeiro ihr Hofbibliothekar. Bereits in Wien war Schüch Lehrer von Maria Leopoldine gewesen und unterrichtete sie in naturkundlichen Fächern. Aus dieser Zeit vor der Abreise nach Brasilien stammt das nun in Göttweig entdeckte Schriftstück. Die Erzherzogin notierte sich auf diesem Blatt im Rahmen des Unterrichts aus einem Fachbuch die unterschiedlichsten Namen verschiedener Muschelarten in lateinischer und englischer Sprache, wohl um ihre Namen zu lernen. Bei diesem Fachbuch handelte es sich um „The Universal Conchologist“ des englischen Zoologen Thomas Martyn, das 1789 in zweiter Auflage in London erschien.

Rochus Schüch war mit dem Göttweiger P. Odilo Clama (1779–1858) befreundet und schenkte ihm kurz vor der Abreise nach Rio de Janeiro dieses Schriftstück. Es sollte als besonderes Schriftzeugnis einer bedeutenden Habsburgerin in die Göttweiger Sammlungen eingehen. P. Odilo Clama notierte auf dem Blatt der Erzherzogin Maria Leopoldine, dass er es „von Herrn Schüch, Bibliothekar Ihrer K. K. Hoheit kurz vor der Abreise nach Brasilien“ empfangen hatte. Heute gibt es uns einen kleinen Einblick in die Ausbildung einer jungen Habsburgerin.

eh leopoldine2Foto: Bernhard Rameder: Schriftstück von Maria Leopoldine von Österreich, geschrieben vor 1817.

eh leopoldine4Foto: Bernhard Rameder: Portrait von P. Odilo Clama im Göttweiger Archiv.

Heute finden sich in Göttweig auch einige vergleichbare Objekte, wie etwa ein Schreib-Übungsbuch Maria Theresias, in dem sich die ersten kindlichen Schreibversuche der späteren Kaiserin zeigen. Oder eine Schnupftabakdose aus dem Besitz Wolfgang Amadeus Mozarts inklusive Authentizitätsurkunde von Carl Mozart. Andenken an die „Stars“ der Zeit wurden also auch in Klöstern gerne gesammelt.

eh leopoldine6Foto: Bernhard Rameder: Seite aus dem Schreib-Übungsheft Maria Theresias.

eh leopoldine7Foto: Bernhard Rameder: Schnupftabakdose aus dem Besitz Wolfgang Amadeus Mozarts.

Text: Mag. Bernhard Rameder, Kustos der Sammlungen, Stift Göttweig
Redaktion [irene kubiska-scharl]