50 Jahre VÖA

50 Jahre VÖA: Karin Sperl

Der Berufsverband der Archivarinnen und Archivare Österreichs beging am 25. Oktober 2017 in Wien das 50jährige Jubiläum seines Bestehens. Weit über 200 Gäste waren ins Haus der Industrie gekommen, um eine nachdenkliche, aber auch fröhliche Feier zu begehen. Durch das Programm führte die ORF-Moderatorin Christiane Wassertheurer.
Eröffnet wurde der Abend mit einem kurzen Imagefilm über das Archivwesen. Dann begrüßte die neue Präsidentin des VÖA, Karin Sperl vom Burgenländischen Landesarchiv, die Gäste und würdigte die Leistungen des Verbands in den letzten 50 Jahren.
Darauf folgte eine prominent besetzte Podiumsdiskussion über das Archivwesen. Die Moderatorin bemühte sich tapfer um interessante Fragestellungen, da ihr aber die Tätigkeit von ArchivarInnen eher fremd war, sorgte sie mitunter ungewollt für Heiterkeit. Ihre erste Frage zielte auf die Bedeutung der Archive ab. Wolfgang Maderthaner, Generaldirektor des Staatsarchivs, sprach in seiner Antwort von der „Kumulierung des Gedächtnisses“, Lorentz Mikoletzky, ehemaliger Generaldirektor nämlichen Archivs, bemühte Lhotskys Wort vom „Gluthauch der Geschichte“. Brigitte Riegele betonte, dass Archive nicht nur die wichtigen Staatsdokumente verwahren, sondern Bedeutung für jeden einzelnen haben, der Rechtsnachweise sucht und braucht. Willibald Rosner, ehemaliger Präsident des VÖA und Direktor des Niederösterreichischen Landesarchivs, würdigte den VÖA als eine verbindende Klammer der ArchivarInnen.

Zum Thema Restitution nach der NS-Zeit erinnerte Riegele daran, dass wir das Bewusstsein um die Bedeutung der Archive in dieser Frage Kurt Waldheim zu verdanken haben, da die Waldheim-Affäre die NS-Bestände in Österreichs Archiven zum Politikum machten. Maderthaner berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen bei der Einsichtnahme in Enteignungsakten, bei der sich ihm Abgründe der Unmenschlichkeit auftaten.
Beim Thema Digitalisierung kamen die Anstrengungen der Archive um die Erhaltung der elektronischen Akten ebenso zur Sprache wie die Probleme digitaler Langzeitarchivierung. Riegele wies darauf hin, dass aktuell die neue Europäische Datenschutz-Grundsatzverordnung eine besondere Herausforderung für die Archive darstellt. Da Löschungen durch Archivierung ersetzt werden können, müssen jetzt aufgrund der neuen Löschungsvorschriften elektronische Daten aus Lebendsystemen in die Archive übernommen werden. Auch über die Bereitstellung von Digitalisaten im virtuellen Lesesaal wurde debattiert, und Rosner prognostizierte, dass die Arbeit des Archivars damit noch unsichtbarer werden wird als sie ohnehin schon ist. Er problematisierte auch den Umstand, dass es bislang noch kein einheitliches System der digitalen Langzeitarchivierung in Österreich gibt. Karin Sperl sprach darüber, dass im digitalen Zeitalter der Kontakt zu den Verwaltungsstellen besonders wichtig geworden sei, um geregelte Übergaben gerade elektronischer Daten zu organisieren – oft keine leichte Aufgabe.
Auf die Frage Wassertheurers, wie ArchivarInnen entscheiden, was aufzuheben und was wegzuwerfen sei, wurde ihr geantwortet, dass dies kein gottgegebenes Talent sei, sondern dass es Bewertungskriterien gibt, wichtig sei hier vor allem die Nachvollziehbarkeit, warum etwas archiviert wurde und etwas anderes nicht. Die Frage der Moderatorin, ob die Archive ein Gegengewicht zu den Fake News in den Social Media bilden könnten, ließ die Diskutanten etwas ratlos, da Archive zwar die Verwahrer historischer Quellen sind, damit aber Geschichte noch nicht geschrieben ist. Sperl betonte, dass die Arbeit der Archive transparent sein muss, und diese Nachvollziehbarkeit auch eine vertrauensbildende Maßnahme darstellt.

Der Abend klang vergnüglich mit einem inspirierenden Vortrag des Schriftstellers Egyd Gstättner aus, der seine Erfahrungen über seine Vorlassverhandlungen mit dem Robert-Musil-Archiv in Klagenfurt zum Anlass ironischer Betrachtungen über das Archivwesen nahm und sich beispielsweise fragte, ob Archiv-Würde mit dem Konjunktiv zu tun hat und welche Herausforderungen von Intertextualität sich stellen, wenn er seine verschiedenen Notizbücher in den Taschen diverser Sakkos verwahrt.
Der Abend endete beim kalten Buffet, um das sich die dichte Schar der Kollegenschaft drängte. Auch etliche Vertreter aus Ordensarchiven waren anwesend und oft weit angereist. Gesichtet wurden der Stiftsarchivar der Erzabtei St. Peter und Vorsitzender der ARGE Ordensarchive Österreichs, Gerald Hirtner, der Stiftsarchivar der Schottenabtei und Vertreter der Ordensarchive im Vorstand des VÖA, Maximilian Alexander Trofaier, die Archivare aus den Stiften Wilten (Dieter Liebmann) und Vorau (Stefan Reiter), der Archivar des Sacré-Coeur in Bregenz Lukas Winder sowie der Archivar des Deutschen Ordens P. Frank Bayard. Für die Berichterstatterin, die selbst viele Jahre im VÖA in verschiedenen Funktionen tätig war, war es ein gelungener Abschluss und Rückblick auf eine intensive und fruchtbare Zeit in Zusammenarbeit mit so vielen netten und kompetenten KollegInnen im Berufsverband.

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