Archive stellen sich vor: Das Archiv der Grazer Schulschwestern

 Abb. 1: Provinzialat Graz 2019; v.l.n.r.: Provinzrätin Sr. Carina Klammer, Provinzsekretärin Doris Mayr, Archivarin Susanne Barabas, Provinzoberin Sr. Sonja Dolesch

Das Archiv der Österreichischen Provinz ist ein relativ „junges“ und mit seinen ca. 100 Laufmetern ein vergleichsweise kleines Archiv. Die Österreichische Provinz der Franziskanerinnen v.d.U.E. in ihrer heutigen Form entstand 1929, als die Kongregation in drei Provinzen (Brasilien, Montenegro, Österreich) geteilt wurden. Die Bestände reichen aber bis in das Gründungsjahr 1843 durch Antonia Lampel zurück.

Das Provinzialat der Franziskanerinnen v.d.U.E. hat seinen Sitz in Graz unter der Leitung der Provinzoberin Sonja Dolesch. Zur Kongregation gehören 3 Provinzen und 4 Vikariate (Slowenien, Frankreich/Elfenbeinküste und Südafrika), der Sitz des Generalats befindet sich im Mutterhaus in Graz Eggenberg.

Projekt: Archiv
Das Archiv der Österreichischen Provinz der Franziskanerinnen v.d.U.E. wurde 2018/19 erstmals einer archivischen Bewertung unterzogen und systematisch erfasst. Initiiert wurde dieses Archiv-Projekt von der Provinzoberin Sonja Dolesch. Einerseits bestand der Wunsch nach Ordnung, Wiederauffindbarkeit aber auch nach „Entrümpelung“. Gleichzeitig sollte eine Systematik aus dem vorhandenen Archivmaterial und der bestehenden Ablageordnung in Einklang gebracht werden, die personenunabhängig Bestand haben sollte. Vor der Bewertung des Archivguts mussten die verstreuten Bestände zuerst lokalisiert werden, um diese später an einem Ort zu bündeln. Diese „Inventarisierung“ war eine Anregung für grundlegende Überlegungen: Was macht ein Ordensarchiv aus? Welche Arten und Formen der Überlieferungen existieren in der Provinz und welche finden im Archiv Aufnahme zur Rechtssicherung und Dokumentation? Die Bestandsaufnahme machte auch  Überlieferungslücken sichtbar und bot Anregung für eine Auseinandersetzung mit der Ordensgeschichte und für die Ordensfrauen, sich selbst als ein Teil der Ordensgeschichte wahrzunehmen.

Begleitend wurden Leitlinien und Handreichungen (Archivordnung, Benutzerordnung, Nachlassverwaltung, …) durch das Referat für Kulturgüter bereitgestellt. Eine Skartierungsliste von verschiedenen Schriftguttypen, die nach einer bestimmten Frist ohne Bedenken entsorgt werden können, sollte bestimmte Arbeitsprozesse ökonomisieren und die zukünftige Einschätzung der Archivwürdigkeit des Archivguts erleichtern. Im Zuge dieser Neuorganisation wurde der gesamte Bestand in säurefreie Kartons und Mappen umgebettet, von Metall und Plastik befreit, um so beste Bedingungen für eine langfristige Aufbewahrung zu schaffen.

Die archivwürdigen Bestände wurden in einem elektronischen Findbuch verzeichnet. Basierend auf den Richtlinien des ISAD(G) (General International Standard for Archival Description) enthält es neben der allgemeinen Beschreibung der Bestände und Serien, Auskunft über den Inhalt, die Datierung, das Volumen und der Signatur. Das Archiv, wie auch das Findbuch, wird derzeit von der Provinzsekretärin Doris Mayr betreut und aktualisiert. Die aktive interne Nutzung des Archivs hat mit seiner engen Bindung an das operative Geschäft im Provinzialat zu tun und auch mit seinem zentralen Standort. Das Archiv erfüllt daher auch die Funktion einer Registratur und ist ein lebendiger Bestandteil im Konvent.

Abb. 2: Eine Zusammenfassung der Bestände des Provinzarchivs der Franziskanerinnen v.d.U.E.

Bestände
Zu den Beständen der Österreichischen Provinz zählen der gesamte schriftliche Niederschlag der Leitungsgremien, sowie die Korrespondenz aller Geschäftsbereiche der Provinzleitung, sowie der Dokumentation des Lebens und Wirkens des Provinzialats und seiner Trägerinnen, den Ordensfrauen. Die Chroniken, Bücher, Korrespondenzen und Fotografien der zahlreichen Niederlassungen, bestehende wie historische in der Steiermark und Kärnten, sowie die damit eng verbundenen Werke und Sendungsaufträge, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Überlieferungsbildung des Konvents. Die Werke der Österreichischen Provinz der Franziskanerinnen v.d.U.E. setzen sich, neben verschiedenen pastoralen Diensten, hauptsächlich aus Kindergärten und Schulen zusammen. Mit der Gründung des Schulvereins der Grazer Schulschwestern 2002 wurden die Bildungseinrichtungen ausgegliedert. 2019 wurde der Verein im Zusammenschluss mit anderen Ordensgemeinschaften durch den Verein für Franziskanische Bildung (VfFB) organisiert und verwaltet. Das Schriftgut, das aus diesem Zusammenhang entsteht, verbleibt im Verein, bzw. ist schon im Vorgänger „Schulverein“ abgelegt worden.
Die wachsende Anzahl weltlicher ArbeitnehmerInnen seit den 1960er Jahren in der Provinz finden ebenso ihren Niederschlag im Archiv. Dies dient zur Dokumentation von Dienstzeit und Tätigkeit und erfüllt gleichzeitig die Auskunftspflicht der Provinz als Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern. Neben den Werken organisieren die Franziskanerinnen v.d.U.E. immer wieder in eine Anzahl von zeitlich begrenzten sozialen Projekten, bzw. sind durch Kooperationen mit anderen Organisationen in Sozialprojekte involviert, die zum Teil wenig verschriftlicht sind.

Der umfangreichste schriftliche Niederschlag wird und wurde traditionsgemäß durch die Provinzökonomie produziert. Der Konvent der Schulschwestern betrieb bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. im Mutterhaus in Eggenberg (Graz) eine große blühende Eigenwirtschaft. Neben der Finanzverwaltung der Provinz, bildet die Immobilienverwaltung und damit die gesamte Bautätigkeit einen sehr großen und wesentlichen Bestand. Der historische Planbestand ist ein Teil davon. Schul- und Konventsgebäude, sowie Kirchen, Kapellen und Wirtschaftsgebäude wurden oft saniert, renoviert, restauriert und adaptiert, aber auch neu errichtet. Der Inhalt des Archivs ist nicht nur beredtes Zeugnis der Geschichte des Provinzialats, seiner Niederlassungen und seiner Aktivitäten, sondern enthält ebenso wichtige Dokumentationen zur Bau-, Sanierungs- und Restaurierungstätigkeit, das als wertvolle Informationsquelle für zukünftige Erhaltungsmaßnahmen dienen kann.
Weitere Bestände über die Inventare der Kulturgüter der Häuser, Kirchen sowie der Sammlung im Provinzialat runden das Gesamtbild der Österreichischen Provinz ab und tragen zur Bewertung, Dokumentation und Sicherung der Kulturgüter bei. Allerdings sind noch nicht alle Niederlassungen darin erfasst.
In manchen Beständen ist einerseits die schriftliche Überlieferungsbildung nicht so ausgeprägt oder notwendig, andererseits wird gerade in diesem Bereich vieles für nicht wichtig genug empfunden, um aufgehoben zu werden. Wie z.B. die vergleichsweise geringe Überlieferung über das Leben und Wirken der einzelnen Ordensfrauen, die aus der Bescheidenheit der Schwestern resultiert, obwohl sie Trägerinnen der Ordenskultur, also das Herzstück der Gemeinschaft sind.

Autorin: Susanne Barabas (Aug. 2019)

Red.: [iks]

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