Kulturgüter, die „unproduktiv im Stift herumliegen“

Die wirtschaftliche Notlage in der Zwischenkriegszeit veranlasste die österreichischen Klöster zum Verkauf von mittelalterlichen Handschriften, alten Drucken und Kunstgegenständen. Für so manchen Abt war der ideelle Wert diese Kulturgüter gering.

Eine Fachtagung im Wiener Schottenstift am 16./17. April 2018 widmete sich dem Thema „Klösterliche Handschriften- und Buchverkäufe in der Zwischenkriegszeit“. Rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hörten insgesamt 18 Vorträge und Berichte von Ordensleuten, deren Mitarbeiter/innen und von Fachleuten und Wissenschafter/innen. Veranstalter der Tagung waren das Institut für Österreichische Geschichtsforschung, die Österreichische Nationalbibliothek und die Ordensgemeinschaften Österreich (Referat für die Kulturgüter der Orden). Was sich am Ende ergab, war ein spannendes Zeitbild einer bewegten Epoche österreichischer Ordensgeschichte.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen für die Klöster nach dem Ende des 1. Weltkriegs stellte Peter Wiesflecker in seinem Vortrag vor, wurde aber auch von den anderen Referent/innen betont. Alle Klöster kämpften mit dem Vermögensverlust durch Kriegsanleihen und galoppierende Inflation, hatten Steuerschulden und Defizite in ihren althergekommen land- und forstwirtschaftlichen Betrieben. Bei der Geldbeschaffung war man durchaus kreativ: Für St. Peter war nach 1918 die Haupteinnahmequelle die Weinschank im Peterskeller, andere lukrierten Messstipendien in überseeischen Niederlassungen. Bei Verkäufen griff man ungern den Grundbesitz an und verlegte sich daher auf Verkäufe von Büchern und anderen Kulturgütern, die ohnehin nur „unproduktiv im Stift herumliegen“, wie der Abt von St. Peter es ausdrückte.

Kirchenrechtlich bedurfte der Verkauf von res preciosa („Kostbarkeiten“) in Kirchenbesitz nach dem CIC von 1917 der Zustimmung des Apostolischen Stuhls, wie Stefan Schima in seinem Vortrag zu den rechtlichen Grundlagen dieser Verkäufe anmerkte. Auch die Genehmigung staatlicher Behörden, allen voran des Bundesdenkmalamts, mussten eingeholt werden, wobei dieses oft mehr reagierend und eher zurückhaltend tätig wurde, wie Anneliese Schallmeier vom Archiv des Bundesdenkmalsamts berichtete. Die Österreichische Nationalbibliothek übernahm die Begutachtung der zu verkaufenden Handschriften und Inkunabeln, führte Katharina Kaska in ihrem Vortrag aus. Es war ein etwas schwieriges Unterfangen, da die Nationalbibliothek auch ein Kaufinteresse hatte und wertvolle Bücher vor einer Verbringung ins Ausland bewahren wollte.
Aus allen Beiträgen ging die überaus umtriebige Tätigkeit des Antiquariatshandels in jener Zeit hervor, die die Klöster mit Kaufangeboten geradezu bedrängten. Demgegenüber waren die Erträge aus diesen Verkäufen erstaunlicherweise eher gering, wie Christopher de Hamel aus Cambridge, ein langjähriger Mitarbeiter von Sothebys, in seinem Vortrag über den Buchmarkt in England und in den USA in jener Zeit ausführte. Besaß man nicht gerade eine Gutenbergbibel, wie die Stifte Melk und St. Paul im Lavanttal, deren Verkauf das ganze Kloster mit einem Schlag schuldenfrei machte, waren Handschriften eher schwer zu einem guten Preis zu verkaufen. Mehr Interesse bestand offensichtlich am Markt für Frühdrucke, die dann von den Klöstern auch dutzendweise verkauft wurden.
Die Berichte aus den Verkäufen der Tiroler Klöster (Claudia Schretter-Picker) sowie der Stifte Lambach (Christoph Egger), St. Peter (Sonja Führer/Wolfgang Wanko), St. Florian (Friedrich Buchmayr), Lilienfeld (Irene Rabl), Göttweig (Bernhard Rameder), Melk (Christine Glaßner), St. Lambrecht (Abt Benedikt Plank), Kremsmünster (P. Petrus Schuster), Schlägl (D. Petrus Bayer), Herzogenburg (H. Ulrich Mauterer), Klosterneuburg (Martin Haltrich) und Zwettl (Andreas Gamerith) malen ein schillerndes Bild auch der innerklösterlichen Vorgänge. Nicht immer waren die Verkaufsabsichten eines Abtes im Kapitel konsensual, häufig hatte man große Sorge, dass die Verkäufe öffentlich bekannt würden, weil man befürchtete, man würde mit seinen Kulturschätzen als reich betrachtet werden, und das inmitten des sozialen Elends während der Weltwirtschaftskrise. Buchhändler versicherten den Klöstern daher, man würde die Besitzstempel und Exlibris des Klosters aus den Codices entfernen und die Provenienzen verschleiern. Oft fanden die Verkäufe an Strohmänner statt, um Ausfuhrverbote zu umgehen.

Heute blicken die BibliothekarInnen und SammlungskustodInnen oft wehmütig auf diese Verluste des kulturellen Erbes ihres Klosters zurück, gehört dieses doch zur Identität einer Gemeinschaft. Ebenso ist man sich aber auch bewusst, dass viele Obere und Ordensleute auch heute noch ihre überlieferten Kulturgüter als etwas erachten, das „unproduktiv herumliegt“, was verzichtbar und verkaufbar ist. Das kulturelle Erbe ist im innerkirchlichen und klösterlichen Diskurs leider nur allzu oft ein Stiefkind, noch dazu eines, dessen Erhaltung Geld kostet. Es scheint pastoral wertlos, medial uninteressant, spirituell altmodisch zu sein. Und trotzdem hängt unserer, der Archivarinnen und Bibliothekarinnen und SammlungskustodInnen und ExpertInnen Herzblut daran, darin waren wir uns alle einig.

Hier geht es zum Life-Twitterfeed der Tagung: https://twitter.com/search?q=%23hssverkaeufe&src=typd

Einen ausführlichen Bericht zur Tagung hat auch die Wissenschaftsabteilung des ORF gebracht: http://science.orf.at/stories/2907376

 

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